Erfahrung

Kein Mensch braucht
All-Male Panel

20. Juni 2019
"Ich warte auf den Tag, an dem sich der erste DAX-CEO oder Bundesminister der Teilnahme an einem All-Male Panel verweigert."
Florian Nöll
Pflegen Sie auch eine schwarze Liste von Veranstaltungen, zu denen Sie nicht mehr gehen? Jene Veranstaltungen, die von Männern im „besten" Alter dominiert werden, deren Haar so weiß ist wie ihre Hemden. Veranstaltungen mit Podiumsdiskussion, bei denen drei, vier oder sogar fünf bühnenerfahrene Herren nebeneinander sitzen und sich von einer "charmanten" Moderatorin Fragen stellen lassen. Saßen Sie auch schon einmal bei solchen Veranstaltungen im Publikum und hatten das Gefühl, die Argumente oder sogar die ganze Tonspur schon einmal gehört zu haben? Vielleicht hatten Sie auch den Eindruck, dass nicht alle Sichtweisen vertreten wurden? Haben Sie sich in solchen Situationen auch schon einmal gefragt, ob es tatsächlich nur männliche Manager, Wissenschaftler oder Politiker gibt, die Experten zum Thema der Diskussionsrunde sind? Das Internet, das für alles und jeden eine Abkürzung parat hat, hat auch längst diesen Podien einen Namen verpasst: Manel, oder lang: All-Male Panel.

Für mich steht seit fast zwei Jahren fest, dass Manel ohne mich stattfinden. Vor zwei Jahren haben wir im – damals sehr männerdominierten - Vorstand des Startup-Verbandes verschiedene Beschlüsse für mehr Diversität gefasst. Unsere Absage an Podiumsdiskussionen, die nicht nicht divers besetzt sind, haben wir seitdem am häufigsten im Alltag gebraucht. Überzeugt davon, dass wir Männer mit Blick auf die Geschlechtergerechtigkeit Teil des Problems sind und Teil der Lösung sein müssen, hatte ich den Vorschlag damals in unseren Vorstand eingebracht. Die Diskussion war kurz, der Beschluss einstimmig.

In der vergangenen Woche hat die Initiative D21 ihren Diversity-Kodex veröffentlicht. Der Kodex enthält einen ähnlichen Beschluss, lässt aber Ausnahmen zu. Aus meiner Sicht die zentrale Schwachstelle eines insgesamt guten Papiers. Durch diese Veröffentlichung und einen kurzen Twitter-Dialog mit der D21-Geschäftsführerin Lena-Sophie Müller fühle ich mich motiviert, meine Erfahrungen und Best Practise zwei Jahre nach unserer Entscheidung zu teilen.


Warum braucht es eine Selbstverpflichtung gegen All-Male Panel?

Man sollte denken, dass Veranstalter die Zeichen der Zeit erkannt haben. Twitter Accounts wie @WieVieleFrauen legen erbarmungslos den Finger in die Wunde. Ein Foto von Podium oder Vorstand ohne Frau zu posten, hat zuletzt mancher Firma ungewollte Social Media Aufmerksamkeit gebracht. Die Realität sieht anders aus und ich frage mich, bei wie vielen Veranstaltungen Tag für Tag einfach niemand mit aktivem Twitter Account im Publikum sitzt. Auch habe ich den Eindruck, dass einige Veranstalter mittlerweile so schlau sind, entsprechende Fotos einfach nicht mehr zu veröffentlichen. Wirklich schlau wären sie, wenn es rein männliche Podien auf ihren Veranstaltungen nicht gäbe. Meine Erfahrungen aus vielen solcher Einladungen ist, dass häufig eine simple Mischung aus Gewohnheit und Faulheit der Grund für die mangelnde Präsenz von Frauen ist. Der Satz "wir haben alles probiert, aber es gibt schlicht keine geeignete Frau in unserer Branche" fällt nur selten und lässt sich immer mit einer Google- oder LinkedIn-Suche als dreiste Ausrede entlarven.


Wie beantworte ich Einladungen zu Podien, bei denen Diversität nicht gewährleistet ist?

Häufig erfolgt die Einladung zu einem Zeitpunkt, zu dem das Programm noch im Entwurf vorliegt. Meine diplomatische Standard-Antwort in diesem Fall: "Sie sind wahrscheinlich noch dabei, eine Frau für das Podium zu gewinnen. Zur Sicherheit möchte ich Sie schon heute auf unsere Selbstverpflichtung aufmerksam machen, wonach wir nur an divers besetzen Podien teilnehmen." Steht die rein männliche Besetzung schon fällt die Antwort natürlich weniger watteweich aus. In diesen Fällen ist eine Zusage an die Bedingung geknüpft, dass der Veranstalter Diversität sicher stellt. In beiden Fällen biete ich regelmäßig Unterstützung bei der Suche einer Frau an. Das darf natürlich nur in seltenen Fällen dazu führen, dass ich Einladungen für den Veranstalter versende. Häufig nenne ich schlicht Namen, was natürlich nur möglich ist, wenn es um Bereiche geht, in denen ich mich auskenne. Gelegentlich - aber nur wenn es fachlich begründbar ist - biete ich an, die Einladung an eine Vorstandskollegin im Verband abzutreten. Das kann aber nicht die Standardlösung sein, weil sie den Veranstalter damit viel zu leicht aus seiner Pflicht entlässt. Ich glaube nicht, dass in diesen Fällen ein echter (Um-)denkprozess angestoßen wird.


Wie reagieren Veranstalter?

Erwischt. Erstaunt. Fast immer positiv. Wenn, wie in der letzten Woche, ausgerechnet ein emeritierter Professor aus einer Ingenieurwissenschaft, der mich für eine renommierte Konferenz gewinnen möchte, antwortet - "da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Das machen wir möglich. Wenn Sie Vorschläge für geeignete Frauen aus der Startup-Welt haben, wäre ich Ihnen sehr dankbar." - dann habe ich das Gefühl, dass wir wieder einen Schritt gemacht haben. Nicht verheimlichen möchte ich, dass es unbelehrbare Veranstalter gibt. In diesen Fällen kann ich nur zu Hause bleiben und darauf hoffen, dass die Teilnehmer von der Einfalt gelangweilt fernbleiben.


Warum darf es keine Ausnahme geben?

Für mich kann es hier keine Kompromisse geben und sie sind auch nicht notwendig. Wie beschrieben gibt es viele Möglichkeiten, einer Veranstaltung zu mehr Diversität zu verhelfen. Wo soll eine Ausnahme anfangen und wo aufhören? Ausnahmen würden nur die Legitimation geben, die Selbstverpflichtung nicht ernst zu nehmen. Auch finde ich es schwierig Veranstaltern zu vermitteln, dass die Ausnahme, die man am Tag zuvor bei einer anderen Veranstaltung machen kann, heute nicht möglich ist. Die Frage stellt sich im Vorfeld einer Veranstaltung aus meiner Sicht auch gar, weil in der Regel genug Zeit besteht, um eine Expertin einzuladen. Richtig knifflig wird es nur, wenn sich vor Ort am Tag der Veranstaltung herausstellt, dass die geplante Frau kurzfristig abgesagt hat. Diese Situation ist mir bislang zweimal passiert. In beiden Fällen habe ich erklärt, dass in diesem Fall nicht auftreten kann. In beiden Fällen hat der Veranstalter ohne Diskussion eine Ersatzreferentin gesucht und gefunden. Es waren gute Podien. Ja, auf den ersten Blick ist es durchaus eine harte Position, sich vor Ort der Teilnahme zu verweigern. Und natürlich kann der Veranstalter nichts für die kurzfristige Absage seiner Rednerin. Und gerade diese Situationen sprechen dafür, keine Ausnahmen zuzulassen. Man(n) würde - um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen - in dieser Situation immer den Joker ziehen. In diesen Situationen hilft es, wenn man die Selbsterklärung öffentlich gemacht und auch selbst eine gewisse Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken hat. Da ist der Verzicht im Zweifel das kleinere Übel im Vergleich zu dem Shitstorm, den man und damit zwangsläufig auch Veranstaltung und Veranstalter, mit recht abbekommen würde, weil man sein Wort nicht gehalten hat.


Was muss ich mit Blick auf die eigene Organisation beachten?

Am Anfang war zugegeben nicht jedem im Team klar, wie ernst wir diesen Beschluss meinen. Nachdem der erste Mitarbeiter die Selbstverpflichtung gebrochen hatte, wurde es eben noch einmal ausführlich erklärt. Nachdem dem zweiten Verstoß mussten Mitarbeiter an die Unternehmenskommunikation berichten, wenn sie (ausversehen) an einem AllMale Panel teilgenommen haben. Seitdem sind mir keine Brüche der Selbstverpflichtung mehr bekannt geworden. Unser Kommunikationsteam im Verband ist zudem besonders sensibiliert und guckt genau hin, wenn Veranstaltungsprogramme mit unserer Beteiligung veröffentlicht werden. Weil es diese Fälle nicht mehr gibt, habe ich das Vorhaben eines jährlichen Diversityberichts hinten angestellt. Es wäre unser eigener Pranger gewesen. Sicher gäbe es mehr als diesen Grund für ein solches Reporting. Aber die Ressourcen einer kleinen Organisation sind auch begrenzt.

Die Selbstverpflichtung erstreckt sich natürlich auch auf eigene Veranstaltungen. Hier sollte nicht nur der Zwang der Diversität für einzelne Panel bestehen, sondern auch das Ziel definiert werden, dass 50% der Redner Rednerinnen sein sollen. Das wir uns mit letzterem Ziel angesichts der Tatsache, dass nur 15% unserer Startup-Gründer weiblich sind, schwer tun, ist kein Geheimnis. Ein richtiger Fail ist uns im letzten Jahr aber nur einmal passiert. In diesem Fall ist die Rednerin ohne abzusagen einfach nicht erschienen. Die Podiumsdiskussionen hat ohne Frau stattgefunden. Mich hat es sehr geärgert.


Mein Appell

Ich würde mich freuen, wenn sich weitere Unternehmen, Verbände und vor allem auch öffentliche Institutionen unsere Selbstverpflichtung zum Vorbild nehmen. Ich wünsche mir, dass mehr Männer ihre Teilnahme verweigern, wenn Diversität nicht garantiert ist. Ich selbst bin viel zu unwichtig, als das ich im Zweifel für Veranstalter nicht verzichtbar bin. Mein Hebel war es, immerhin sieben weitere Männer in unserem Vorstand sowie unsere Mitarbeiter mit in die Pflicht zu nehmen. Und wenn ich mit diesem Text einige Bedenken ausräumen kann, dann ist wieder ein Schritt gegangen.

Klar ist, um so "wichtiger" ein Mann ist, um so größer ist sein Einfluss. Ich warte deshalb auf den Tag, an dem sich uns der erste DAX-CEO oder Bundesminister anschließt.