Meinungsbeitrag: Wo bleibt die Digitalquote?

Meinungsbeitrag: Wo bleibt die Digitalquote?

Land auf, Land ab nominieren die Parteien in diesen Wochen ihre Kandidatinnen und Kandidaten für die Bundestagswahl Ende des Jahres. Dabei steht die Frauenquote je nach Partei mal mehr und mal weniger im Vordergrund. Aber sie ist das einzige Kriterium, das Parteien eingeführt haben, um eine Heterogenität der Wahllisten zu gewährleisten.

Um die Frauenquote in DAX-Aufsichtsräten wurde lange gestritten. Es ist belegt, dass ein höherer Frauenanteil in Spitzenpositionen gut ist. Gut sowohl im gesellschaftspolitischen als auch im ökonomischen Kontext. Die Quote hat sich als Werkzeug, mit dem ein höherer Frauenanteil erreicht werden kann, durchgesetzt, weil unverbindliche Willensbekundungen von Unternehmen und Politik keine Veränderung brachten.

Während die Frauenquote beschlossen und deren Einhaltung zurecht eingefordert wird, müssen wir eine neue Quote diskutieren. Eine zweite Kompetenzquote, wie es die Frauenquote gewisser Weise bereits ist: die Digitalquote.

**Die Digitalquote ist längst überfällig!**

In Sonntagsreden wird digitale Kompetenz gefordert. Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass wir mehr digitale Köpfe an entscheidenden Positionen in Politik und Wirtschaft benötigen, wenn wir die Herausforderungen der Gegenwart (nicht erst der Zukunft) erfolgreich bewältigen wollen. In Industrie und Mittelstand entstehen reihenweise neue Vorstandsposten für die Digitale Transformation, wenn die Vorstandsvorsitzenden diese Mammutaufgabe nicht gleich zur Chefsache machen. Wirft man einen Blick auf das, vor allem politische, Spitzenpersonal, dann sitzen dort regelmäßig Menschen, die sich ihre E-Mails noch ausdrucken lassen. Auch auf der europäischen Ebene. Jeder weiß, von welchen Personen wir sprechen.

Die Ausnahmen, bei denen Kompetenz mehr zählt als die jahrelange Ochsentour, sind rar gezählt. So wie Christian Rickerts, der als Geschäftsführer von Wikipedia Deutschland auf den Posten des Wirtschaftsstaatssekretärs in Berlin gewechselt ist. In den Landesregierungen und Landesparlamenten sind Digitalexperten selten. Und selbst im Deutschen Bundestag lassen sich die echten Digitalpolitiker an zwei Händen abzählen. Angesichts der immensen Herausforderung und der Gesamtzahl von mehr als 600 Bundestagsabgeordneten ein leicht zu übersehender Expertenkreis. Digitalexperten stören oftmals die etablierte Politikmaschinerie, denn sie fordern neues Denken ein und beharren auf einem Mindestmaß an technischem Sachverstand zur Beurteilung von politischen  Konzepten.

Es ist an der Zeit, den Beharrungskräften, die gefährlich für unsere Reputation und unsere zukünftige Wettbewerbsfähigkeit sind, etwas entgegenzusetzen. Wir brauchen eine Digitalquote für unsere Parlamente!

Die Ausgestaltung einer solchen Quote muss im Detail ausgehandelt werden. Aber dass wir nur mit einer solchen Quote wirkliche Veränderungen erreichen, die über Lippenbekenntnisse hinausgehen, zeigt das Beispiel der Frauenquote. Aus der Diskussion um die Frauenquote und den vorangegangenen Versuchen, den Frauenanteil zu erhöhen, müssen wir die lernen und schnell eine Digitalquote einführen.

Wir wissen, dass eine solche Quote in der konkreten Ausgestaltung nicht einfach ist. Was heißt Digitalkompetenz? Wie hoch soll die Quote sein? Klar! Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten, aber es lohnt sich, den Prozess und die Diskussion anzustoßen! Allein das wäre ein Gewinn für den Digitalstandort Deutschland.

Bereits heute sind Digitalexperten in den Parteien und parteinahen Organisationen vernetzt, wie in D64 und dem cnetz. Diese Organisationen sind sofort in der Lage, auf Landes- und Bundesebene Personalvorschläge mit ausgewiesener Digitalkompetenz zu machen. Die Parteivorstände in der gesamten Republik sind in einem ersten pragmatischen Schritt aufgefordert, sich diese Vorschläge anzuhören.

Wir brauchen mehr digitale (Quer-)Köpfe, weniger Das-war-schon-immer-so-Argumentierer, mehr Experimentierer, weniger Bedenkenträger, mehr digitale Innovationen, weniger Fortschrittsverweigerer für unsere Parlamente auf kommunaler, Landes-, Bundes- und europäischer Ebene! Unsere Kinder werden es uns danken, denn für sie müssen wir jetzt die Zukunft gestalten – und das geht nicht  ohne digitale Kompetenzen!

Diesen Beitrag habe ich gemeinsam mit Nico Lumma geschrieben. Er wurde ursprünglich im Tagesspiegel publiziert.