Generation Kein Praktikum

Generation Kein Praktikum

Lukasz Gadowski hat es getan. Auch Christian Vollmann und Dirk Graber haben es getan. Zahlreiche unserer erfolgreichsten Gründer haben vor ihrer unternehmerischen Karriere ein Praktikum in einem Startup absolviert. Dieser Karriereweg ist seit dem 1. Januar verbaut, mit dem Mindestlohn für Praktikanten.

Arbeitsministerin Nahles ist stolz auf ihr Werk, glaubt sie doch aus einer schlecht bezahlten Generation Praktikum eine besser bezahlte Generation Praktikum zu machen. Tatsächlich schafft sie die Generation Praktikum ab, mit fatalen Folgen. Es ist ein Bärendienst den die Bundesregierung den Studierenden und jungen Absolventen erweist. Sie sind die maßgeblichen Leidtragenden einer praxisfernen Politik, mit der Nahles eine junge Generation nach ihrem persönlichen Vorbild schafft. Eine Generation von Theoretikern ohne jede praktische Berufserfahrung. Startups trifft der Mindestlohn erst nachrangig.

65% der Agenturen sagen in einer aktuellen Befragung, dass der Mindestlohn bei ihnen zu einem Abbau von Praktikantenstellen führen wird. Für die Startup-Welt liegen solche Zahlen noch nicht vor, aber ich erwarte ein vergleichbares Ergebnis. Würden unsere Startups bei unveränderter Zahl an Praktikanten seit dem 1. Januar den Mindestlohn zahlen, würde sie das jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Oder anders betrachtet: Das Kapital, das Bundeswirtschaftsminister Gabriel der chronisch unterfinanzierten deutschen Startup-Szene jährlich über High-Tech-Gründerfonds, KfW und Co zufließen lässt, würde Arbeitsministerin Nahles dem Kreislauf wieder entziehen. Das können wir uns nicht leisten.

Um Missverständnissen vorzubeugen. Mir geht es nicht darum gegen den Mindestlohn im Allgemeinen Stimmung zu machen. Der Mindestlohn für reguläre Beschäftigungsverhältnisse ist gar kein Thema für die Startup-Branche. 80% unserer Startup-Gründerinnen und Gründer sind Akademiker und in der Mitarbeiterschaft ist das Qualifikationsniveau kaum schlechter. Natürlich gibt es Ausnahmen, beispielsweise in der Logistik im E-Commerce. Aber selbst dort werden die Löhne in der Regel mindestens nach Tarif gezahlt. Die Zeiten von schlecht oder gar überhaupt nicht bezahlten Praktika sind in der Startup-Welt vorbei, der Kampf um die besten Köpfe beginnt heute schon in der Uni. „If you pay peanuts, you get monkeys“ ist eine HR-Weisheit, die bereits bei der Auswahl von Praktikanten Anwendung findet.

Entsprechend war unsere Position im Startups-Verband nicht generell gegen einen Mindestlohn. Wir haben gefordert, dass Praktika für eine Dauer von sechs Monaten vom Mindestlohn ausgenommen werden, nicht nur für sechs Wochen wie es ursprünglich geplant war. Der letztlich beschlossene Mindestlohn, der eine Ausnahme für drei Monate vorsieht, wirkte im ersten Moment wie ein Kompromiss, mit dem man es mal probieren könnte. Dass der Mindestlohn jetzt als schwer durchschaubares Bürokratiemonster daherkommt, macht diesen Kompromiss vollends unattraktiv.

Was ich der Bundesregierung vorwerfe, ist, dass sie die Ausbildungsleistung nicht anerkennt, die unsere Unternehmen in der digitalen Wirtschaft im Rahmen von Praktika erbringen. Praktikanten in Startups sind die Auszubildenden der digitalen Wirtschaft. Unsere Hochschulen bereiten unsere Studenten nicht auf Berufsbilder in der digitalen Wirtschaft vor, nicht einmal theoretisch. Dieses Defizit kompensierten unsere Unternehmen bislang erfolgreich.

“Praktikanten in Startups sind die Auszubildenden der digitalen Wirtschaft.“

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Selbstverständlich hatte die Politik noble Absichten, wollte mehr Gerechtigkeit schaffen. Bei genauerem Hinsehen schafft sie einen ganzen Blumenstrauß an Ungerechtigkeiten, auf beiden Seiten des Arbeitsvertrags, bei Arbeitnehmern ebenso wie bei Arbeitgebern. Die wichtigste Ausnahme vom Mindestlohn ist, dass Studierenden kein Mindestlohn gezahlt werden muss, wenn es sich um ein in der Studienordnung vorgeschriebenes Pflichtpraktikum handelt. Dabei regelt die Studienordnung auch die Dauer des Pflichtpraktikums. Nun ist Studienordnung nicht gleich Studienordnung. Manch Student muss für sechs Monate ins Praktikum, andere nur für drei Monate und für viele Studierende ist ein verpflichtendes Praktikum gar nicht vorgesehen. Für letztere Gruppe wird es, ebenso wie für Absolventen, ein schwieriges Unterfangen, in Deutschland außerhalb von Konzernen und dem öffentlichen Dienst noch einen Praktikumsplatz zu erhalten.

Wenn ich höre und lese, wie Konzerne auf den Mindestlohn für Praktikanten reagieren, dann wird schnell klar, dass insbesondere Startups darunter leiden werden. Da gibt es auf der einen Seite die „Was kostet die Welt?“-Fraktion. Diese Unternehmen zahlen ab dem 1. Januar allen Praktikanten den Mindestlohn. Dieser Fraktion kann man eigentlich nichts vorwerfen. Aus der zweiten Fraktion, jenen Konzernen „mit der besten Rechtsabteilung der Welt“, hört man abenteuerliche Umgehungsmodelle, die wahrscheinlich überhaupt nicht oder nicht lange funktionieren werden. Aber man kann es ja einmal probieren, wenn man das Geld dazu hat. Unsere Startups haben das Geld für Rechtsexperimente sicher nicht.

Der Grund, warum ich der großen Koalition den Mindestlohn für Praktikanten persönlich wirklich übel nehme, ist dieser: Kein Praktikant wird ab dem 1. Januar wirklich reicher, aber die Gesellschaft wird deutlich ärmer. Die eingangs genannten Gadowskis, Grabers und Vollmanns hätten sicher schon seinerzeit bei einer Unternehmensberatung oder Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mehr Geld verdient. Dennoch haben sie sich für ein Praktikum in einem Startup entschieden. Ob sie diese Wahlfreiheit im Jahr 2015 auch noch gehabt hätten? Hätten ein paar hundert Euro im Monat den Verlust an Erfahrung und Kontakten in der Startup-Welt aufgewogen? Ich bezweifele das stark. Vielleicht wäre sogar der Impuls zur eigenen Gründung verloren gegangen. Einige großartige Unternehmen wären in der Folge nicht gegründet worden, tausende sozialversicherungspflichtige Jobs wären nie entstanden.

Wer sich im Koalitionsvertrag für eine neue Gründerzeit stark macht, der muss bei allen Gesetzen die Auswirkungen auf Unternehmensgründer im Blick haben.

“Wer sich für eine neue Gründerzeit stark macht, der muss bei allen Gesetzen Gründer im Blick haben“

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Was tun? Der Mindestlohn ist in Stein gemeißelt. Die Forderung nach Ausnahmen würde direkt im ideologischen Klein-Klein der Politik zerrieben. Ich fordere stattdessen ein echtes Bekenntnis für eine neue Gründerzeit. Der Bund soll in den ersten beiden Jahren die Sozialversicherungsbeiträge übernehmen, nicht nur für Praktikanten, sondern für alle Mitarbeiter, die ein Startup einstellt. Das würde gleichzeitig wieder für mehr Gerechtigkeit sorgen, unter Praktikanten und ebenso zwischen Startups und Konzernen.

Dieser Beitrag würde ursprünglich im Rahmen meiner Kolumne in Berlin Valley News publiziert.