Rekord: Soviel Wagniskapital hatten wir noch nie
Quelle: Entrepreneursclub Berlin e.V.

Rekord: Soviel Wagniskapital hatten wir noch nie

Dieser Beitrag ist ein Risiko, denn wer nur die Überschrift liest, der könnte eine falsche Schlussfolgerung ziehen. Man könnte denken, dass Startups in Deutschland plötzlich genug Kapital zur Verfügung steht. Außerdem weichen die folgenden Zahlen von jenen ab, die bislang in der politischen Diskussion verwendet werden. Nein, wir haben noch lange nicht ausreichend Kapital für unsere Gründungen, aber der Trend ist positiv, und das möchte ich gerne aufzeigen. Und ja, wir sehen höhere Investitionen, als manch offizielle Statistik derzeit aussagt. Aber das macht letztlich keinen Unterschied, schließlich diskutieren wir nur darüber, ob wir nur „zu wenig“ oder „viel zu wenig“ Kapital zur Verfügung haben.

Wagniskapital gehört zu den primären Finanzierungsquellen für Startups. Im Deutschen Startup Monitor 2014 gibt jedes fünfte Startup an, Wagniskapital erhalten zu haben. Ich mag den englischen Begriff „Venture Capital“ deutlich lieber als jenes „Wagnis-“ oder schlimmer „Risikokapital“, auch weil die amerikanischen Investoren zwar „Venture“ sagen aber tatsächlich häufig an „Adventure“ denken.

“Amerikanische Investoren sagen „Venture“ und meinen tatsächlich „Adventure“ Capital“.“

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Hierzulande sind hingegen häufig sogar die Risikokapitalinvestoren risikoavers. Dafür gibt es Gründe: Wer selbst nur wenig Geld für Investitionen zur Verfügung hat, der muss konservativer agieren.  Mein Stellvertreter im Startup-Verband, Sascha Schubert, bezeichnete Venture Capital in einem ZDF-Interview einmal als „die Muttermilch der Startups“. Kein schlechter Vergleich.

Diese Zahlen machen Hoffnung

Im dritten Quartal 2014 wurden laut Dow Jones Venture Source 1.2 Milliarden Euro Venture Capital in deutsche Startups investiert. Diese Summe markiert ein neues Allzeithoch, das die bisherige Bestmarke von 900 Millionen Euro im vierten Quartal 2000 ablöst. 1.2 Milliarden Euro sind gleichzeitig 53% der Gesamtsumme, die im 3. Quartal in europäische Startups geflossen ist. Damit ist es offiziell: Nicht England, nicht Frankreich, nein Deutschland hat in diesem Quartal das meiste Venture Capital in Europa angezogen. Und es ist sogar davon auszugehen, dass dies auch für das gesamte Jahr 2014 gilt. Nach einem Bericht der Financial Times flossen 2014 1.4 Milliarden US-Dollar in Londoner Startups. Damit konnte London laut Business Insider den Kapitalzufluss im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln. Und dennoch reicht es nur für Platz zwei hinter Berlin, wo Delivery Hero und Rocket Internet im letzten Jahr vorbörslich alleine rund 1.5 Milliarden US-Dollar eingesammelt haben. Zur Orientierung: In den USA wurden im gleichen Quartal rund 10 Mrd. US-Dollar investiert.

Interessant ist in diesem Kontext die EY Studie „Venture Capital investments in start-ups in the digital sector“. Demnach erhielten zwischen Anfang 2013 und September 2014 187 Unternehmen in London ein Venture Capital Investment, in Berlin waren es nur 145. Man kann zusammenfassen: In London erhielten mehr Startups eine Venture-Capital Finanzierung, nach Berlin floss jedoch mehr Geld. 

Kein Grund zur Euphorie

Zu diese Zahlen muss man Gratulieren und darüber kann sich die gesamte deutsche Startup-Welt freuen. Man operiert plötzlich auf Augenhöhe mit London und zwei Unternehmen erhalten mehr Kapital, als vor wenigen Jahren alle Startups in Deutschland zusammen. Aber gibt keinen Anlass für überschwängliche Euphorie. Das Finanzierungssystem für Startups in Deutschland hat unverändert strukturelle Defizite. In der Frühphase, wenn es um das Startkapital und Beträge bis zu einer Millionen Euro geht, ist der Staat der aktivste Investor in Deutschland. Ohne High-Tech Gründerfonds, die KfW und landeseigene Förderbanken wie die IBB in Berlin würden viele Startups zu Beginn, wenn das Risiko am höchsten ist, kein Venture Capital erhalten. Trotz der zunehmenden Zahl an Crowdinvestments und einer aktiver werdenden Business Angel Szene gehe ich davon aus, dass mehr als die Hälfte des Kapitals in der Frühphase aus öffentlichen Töpfen stammt. Das kann man grundsatzpolitisch finden wie man will. Faktisch ist es weiterhin wichtig, sogar unverzichtbar, dass der Staat sich hier engagiert.

In der Later Stage, ich beziehe mich hier auf Finanzierungssummen von mehr als 10 Millionen Euro, haben wir in den vergangenen zwei bis drei Jahren einen riesengroßen Schritt getan. Das zeigen nicht nur die genannten Beispiele von Delivery Hero und Rocket Internet. Bill Gates hat es getan, Andy von Bechtolsheim hat es getan und es gibt kaum einen namhaften internationalen Venture Capital Fonds, der in den letzten Monaten nicht mindestens einmal hierzulande in ein Startup investiert hat. EY zählt in seiner Studie 56 internationale Investoren auf, die 2014 in deutsche Startups investiert haben, und spricht dabei von einer Auswahl. Dazu hörte ich die Zahl, dass insgesamt rund 70% des in Deutschland investierten Venture Capital von ausländischen Investoren kommt. Eine Zahl, die mir plausibel erscheint, auch wenn ich sie nicht validieren kann.

Das Sorgenkind der deutschen Startup-Szene ist die Wachstumsfinanzierung. Zwei, drei oder auch fünf Millionen Euro sind schwierig zu finden. So haben wir einerseits kaum Investoren im Land, die in dieser Größenordnung investieren können, und auf der anderen Seite ist für amerikanische Investoren auf Aufwand zu groß, um für diese Beträge aus San Francisco nach Berlin zu fliegen. 12% der US-amerikanischen Startups, die eine Finanzierung in der Frühphase erhalten, können im Anschluss auch eine Wachstumsfinanzierung einwerben, hat BrightSun ermittelt. In Europa sind es mit sechs Prozent nur halb so viele. Hier wird eine der größten Herausforderungen für unsere Startups deutlich. Vor diesem Hintergrund fordert der Startup-Verband in seiner Agenda verschiedene Maßnahmen, neben steuerlichen und regulatorischen Anreizen für private Investoren auch einen High-Tech Wachstumsfonds. Es ist sehr zu begrüßen, dass Bundeswirtschaftsminister Gabriel erste wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht hat. So wird die KfW wieder als Ankerinvestor in Wagniskapitalfonds investieren. Außerdem legt die Bundesregierung beim Europäischen Investitionsfonds (EIF) einen 500 Millionen Euro schweren Wachstumskapitalfonds auf.

Viel hilft viel

Es gibt weitere Kennzahlen, die auf die strukturellen Defizite in Deutschland und Europa hinweisen. Eine wichtige Größe ist dabei der Betrag, der durchschnittlich pro Finanzierungsmaßnahme in ein Startup investiert wird. Bei Venture Capital gilt: Viel hilft viel. Das Finanzierungsvolumen entscheidet im Positiven darüber, wie schnell ein Unternehmen wachsen kann. Zu kleine Finanzierungsrunden sind hingegen ein ernsthaftes Problem für die Startups, weil sie zu einer kurzen Reichweite führen. Oder würden Sie gerne mit einem halbvollen Tank die Autoreise in den Urlaub antreten? Die meisten Gründer haben keine andere Wahl. Die Unternehmen sind ständig im Finanzierungsmodus. „Nach der Runde ist vor der Runde“ ist deshalb eine Aussage, die in Deutschland fast jeder Gründer im Traum aufsagt. In der Frühphase beträgt die durchschnittliche Finanzierungssumme in Europa 150.000 US-Dollar, in den USA sind es 500.000 US-Dollar. In den folgenden beiden Phasen erhalten US-Startups jeweils doppelt so viel Geld wie ihre europäischen Kollegen. Das deutsche und europäische Startups zudem wesentlich mehr Zeit benötigen, um eine Finanzierungsmaßnahme durchzuführen, schließt den Lagebericht ab.

Und jetzt?

Angesichts dieser Rekordzahlen ist es erlaubt einen Moment inne zu halten und sich über die mehr als positive Entwicklung zu freuen. Der Moment sollte jedoch nicht zu lange dauern. Wir hatten ein gutes drittes Quartal, aber war es vielleicht nur ein Ausreißer? Ich bin optimistisch, dass wir 2015 daran anknüpfen können. In Europa haben wir aufgeholt, den USA laufen wir aber weiterhin hinterher. Alleine in das US-Startup UBER sind 2014 rund 3 Milliarden US-Dollar geflossen. Wenn wir ein gutes Quartal im letzten Jahr hatten, dann hatten die US-Amerikaner vier solcher Quartale. Es gilt also keine Zeit zu verlieren, um weitere politische Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Diese Maßnahmen müssen zwingend privates Kapital mobilisieren, sonst werden wir das notwendige Kapital nicht aufbringen können. Dazu bedarf es jedoch eines Kurswechsel im Bundesfinanzministerium. Das dieser Kurswechsel kommt, halte ich für möglich. Das er schnell kommt, kann ich mich so richtig nicht vorstellen.