Fangen wir mit den Köpfen an!

Fangen wir mit den Köpfen an!

Köpfe, Kapital und die Regulierung entscheiden maßgeblich darüber, wie erfolgreich eine Gründung sein kann. Hinter diesen Überschriften verbergen sich konkrete Verbesserungspotentiale für Gesellschaft und Politik. Meinen ersten Beitrag widme ich den Köpfen.
Wagniskapitalgeber investieren in Teams, erst nachrangig in Geschäftsmodelle. Wer die besten Köpfe hat zieht also auch Kapital an. Deshalb gilt es zu allererst zu hinterfragen, ob wir im eigenen Land diese Köpfe haben. Die Antwort ist ja, aber es sind zu wenige. Viel zu wenige! Nur etwa jeder zehnte Hochschulabsolvent strebt derzeit in die Selbstständigkeit, Freiberufler und Solo-Selbstständige eingerechnet. Diese Zahl treibt mir fast Tränen in die Augen, denn die Aussage ist vernichtend: Die potentiellen Leistungsträger, die als Unternehmer überdurchschnittlich erfolgreich sind und überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze schaffen, sind immer seltener bereit zu gründen.

Wo ist der deutsche Gründergeist geblieben?

Deutschland war ein Gründerland, das im 19. Jahrhundert Unternehmen hervorbrachte die noch heute Weltrang haben. Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte Deutschland eine zweite Gründerzeit. Sicher auch aus der Not geboren war mehr als jeder Dritte in Deutschland selbstständig. Die Selbstständigenquote nahm in den Folgejahren immer weiter ab und sank in den 1970ern schnell auf ~10%. Man könnte auch sagen, uns sind als Gesellschaft die Füße eingeschlafen. Heute kribbeln sie bei dem Großteil der Bevölkerung gar nicht einmal mehr.

Wenn man die Gründe analysiert kommt man an der Bildung nicht vorbei. Entrepreneurship findet in deutschen Schulen nicht statt und auch an Hochschulen bekommen die wenigsten Studenten die unternehmerische Alternative aufgezeigt. Das ein Viertel der deutschen Lehrer laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung ein schlechtes Unternehmerbild haben macht wenig Hoffnung auf eine schnelle Besserung.

Willkommen in der Komfortzone

Dabei muss man kein Wirtschaftsliberaler sein, um Entrepreneurship zu befürworten. Entrepreneurship ist die Grundlage für Disruption und Veränderung. Entrepreneurship fördert die Durchlässigkeit der Gesellschaft. Ein einfacher Vergleich macht es deutlich: 8 der 10 reichsten Deutschen sind Erben. Ein Blick in die USA zeigt ein anderes Bild: Dort sind 8 der 10 reichsten US-Amerikaner Menschen, die ihr Vermögen in ihrem eigenen Leben als Unternehmer erwirtschaftet haben. Anders ausgedrückt: Wir Deutschen sind zu Verwaltern geworden, die es sich in einer großzügigen Komfortzone bequem gemacht haben.

“Um es im Klartext zu sagen: In unserer Gesellschaft und bei dem hohen Niveau von sozialstaatlicher Fürsorge, das wir erreicht haben, muss jemand eigentlich verrückt sein, wenn er ein eigenes Unternehmen gründet.”
Prof. Günter Faltin in Kopf schlägt Kapital

Unternehmerische Bildung und Ausbildung ist jedoch nur eine Antwort auf die Frage, warum junge Menschen in Deutschland lieber Angestellte, Wissenschaftler oder Beamte werden. Das Chancen-Risiko-Verhältnis stimmt nicht. Dieses mangelhafte Verhältnis drückt sich im gesellschaftlichen Umgang mit Misserfolgen aus. Zwar reden wir zunehmend darüber, auch in Deutschland eine Kultur der zweiten Chance zu etablieren, doch im realen Leben pflegen wir unsere Kultur des Scheiterns wie sonst nur unsere Balkonbepflanzung. Leider manifestiert sich dieses Gesellschaftsbild auch in unseren Gesetzen, insbesondere in der deutschen Insolvenzordnung. Entsprechend würde die Angst vor dem Scheitern 49% der 18-64-Jährigen von einer Gründung abhalten. Zum Glück ist das Insolvenzrecht in Deutschland so kompliziert, dass die meisten Unternehmer wohl den gesamten Umfang dessen, was ihnen im Worst-Case blüht, gar nicht wissen. Wie heißt es so schön: „Der Unwissende hat Mut, der Wissende hat Angst.“

Ein Aspekt, der nicht minder Priorität genießt, ist die Zuwanderung. 60% der 25 erfolgreichsten Unternehmen im High-Tech-Mekka Silicon Valley wurden von Menschen gegründet, die in der ersten oder zweiten Generation in den USA leben. Hierzulande sprechen wir von Menschen mit Migrationshintergrund. Mein Bruder, der in diesem Jahr für sechs Monate im Silicon Valley gearbeitet hat, berichtete mir von einer dortigen Startup Konferenz. Der Moderator wollte wissen, wie viele der Teilnehmer keine gebürtigen Amerikaner sind. 90% der Arme schnellten in die Höhe. Das ist kein Phänomen. Das ist Teil der Erfolgsstory dieser Region.

Auch für uns wäre es eine Auszeichnung, wenn sich die besten Köpfe der Welt Deutschland als Standort für ihre Gründung aussuchen. Leider reden wir nur darüber und akzeptieren weiter, dass unsere Ausländerbehörden sich — wie in Berlin — weigern, in englischer Sprache zu kommunizieren. Diese Ausländerbehörde beurteilt auch das Geschäftsmodell von Unternehmern, die aus Nicht-EU Staaten kommen und in Deutschland gründen wollen auf ihre Nachhaltigkeit hin. Diesem Thema werde ich in Zukunft einen eigenen Artikel widmen.

Jeder, der sich einmal damit beschäftigt hat ein Arbeitsvisum in den USA zu erhalten, stellt fest, dass Deutschland hier durchaus einen Vorteil ausspielen könnte. Manche Städte wie München haben das zum Glück schon erkannt und befeuern damit hoffentlich den föderalen Wettbewerb.

Bildung, Kultur der zweiten Chance und Zuwanderung

Was wir brauchen ist eine breit angelegte Offensive für eine neue Kultur der Selbstständigkeit: Politik, Verwaltung und Gesellschaft sind gleichermaßen gefragt.

Unternehmerisches Denken und Handeln muss in die Lehrpläne unserer Schulen und Hochschulen. Jeder Schüler sollte in seiner Schulzeit eine Mobile-App (mit-)entwickeln. Damit würden wir jungen Menschen zeigen, dass eine Unternehmensgründung keine Raketenwissenschaft ist und gleichzeitig ihre MINT-Qualifikation stärken. Auf das Antragsformular für ein Urlaubssemester an unseren Hochschulen gehört die Option “Ich gründe ein Unternehmen”, damit kein Student mehr behaupten kann, er hätte von dieser Alternative nichts gewusst. Im Zusammenspiel mit praxisorientierten interdisziplinären Entrepreneurship-Lehrstühlen lässt sich die Zahl der Gründer an unseren Hochschulen steigern.

Die Kultur der zweiten Chance ist solch ein dickes Brett, dass sie einen eigenen Beitrag verdient. Forcieren müssen wir Zuwanderung der besten Köpfe. Die Vorrangprüfung, bei der Arbeitgeber nachweisen müssen, dass sie für die gesuchte Position keinen geeigneten Kandidaten in Deutschland finden können, muss mindestens in den relevanten Berufsgruppen abgeschafft werden. Die Ausländerbehörden benennen wir besser heute als morgen in “Welcome-Center” um und machen sie zum multilingualen Dienstleister. Offensichtlich nicht praktikable Prozesse, wie die Prüfung von Businessplänen durch Beamte, ersetzen wir durch zeitgemäße Methoden. Mir sind Bürgschafts- und Empfehlungsmodelle, wie sie in anderen Ländern bereits praktiziert werden, sehr sympathisch.

“Alles Bedeutende ist unbequem.”
Johann Wolfgang von Goethe

Die unternehmerische Stärke ist mehr als ein Hygienefaktor für eine Gesellschaft. Unternehmertum ist der Treiber von Innovationen und wirtschaftlicher Stärke. Während insbesondere in den USA in der jüngeren Vergangenheit zahlreiche Weltmarktführer neu entstanden sind, die teilweise bis heute von ihren Gründern geführt werden, zeichnet sich bei uns ein gegensätzliches Bild. In Deutschland ist genau ein Unternehmen im DAX, dessen Gründer noch leben: SAP

So stolz wir auch auf SAP und besonders unseren Mittelstand mit seinen Familienunternehmen sind. Sie sind kein Garant für zukünftigen Erfolg. Die Komfortzone ist ein denkbar schlechter Ort für Unternehmergeist. In den vergangenen beiden Jahrzehnten ist ein neuer Wirtschaftszweig entstanden: die grüne Wiese “Internet” wurde bebaut, ohne dass deutsche Unternehmen daran nennenswert beteiligt waren. Jetzt sehen wir beeindruckende Beispiele dafür, wie Startups Branchen, z.B. die Automobilwirtschaft adressieren, die wir mit Fug und Recht als unsere Festung bezeichnen würden. Trauen wir den aktuellen Marktführern aus Deutschland wirlich zu, diese Festung zu verteidigen?